Die Protestmaschine

von Jan-Alexander Krause

Es rattert, pfeift und trommelt. Klar ist: Bei diesem Artefakt geht es darum, sich Gehör zu verschaffen. Die Protestmaschine ist mit Gegenständen des Alltags – wie etwa Töpfen und Pfannen – versehen, welche hier lautstarke Qualitäten entfalten. Zur ersten Vorführung im Hörsaalgang (s. Video) wurde das Ganze mit Überwachungskamera und Monitor inszeniert, um auch die Kontrolle des öffentlichen Raums zu thematisieren.

Die Protestmaschine von Jana Herold, Noemi Kolb, Marana Potzkai und Philipp Winterstein entstand im Seminar ‚Klang, Raum, Bewegung‚ (WS19/20) und wird mit der Wiederaufnahme des regulären Universitätsbetriebs auf dem Campus der Leuphana ausgestellt.

Mit der weltweiten ‚Fridays for Future‘ Bewegung schien die Straße als Ort des Protests im vergangenen Jahr besonders bei den jüngeren Menschen an Popularität zu gewinnen. Die daraus resultierenden Effekte und Wirkungen auf den staatlich geführten Diskurs zum Thema Nachhaltigkeit haben gezeigt, wie bedeutend der öffentliche Raum als Medium für die Artikulation eines gesellschaftlichen Anliegens ist und bleibt. Als Versammlung oder Umzug, Song oder Choreographie bis hin zur Besetzung oder gewalttätigen Ausschreitung nehmen die Formen des Protests dabei unterschiedliche Dimensionen an.

Die akustische Ebene hat bei alledem eine tragende Funktion, wie auch Jana Herold, Noemi Kolb, Marana Potzkai und Philipp Winterstein bei der Ausstellung ihrer Protestmaschine demonstrieren. Die mobile Apparatur ist schon aus der Ferne deutlich zu vernehmen, und zeichnet sich besonders durch die perkussiven Klänge der Pfannen und Töpfe aus. Betrieben wird die Maschine über eine Kurbel, durch dessen Betätigung die zweckentfremdeten Klangkörper mechanisch angeschlagen werden. Eine Handtrommel sowie Trillerpfeifen bieten darüber hinaus mehr als nur einer Person die Möglichkeit, sich sonisch mit einzubringen, um im Zeichen der Vielheit zu protestieren. Damit erscheint die Protestmaschine zunächst als Hilfsmittel für Protestierende, um sich Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen, ohne dabei selbst eine politische Position einzunehmen.

Das für den lautstarken Protest umfunktionierte Küchengerät verweist dabei auch auf die sogenannten Cacerolazos – eine Protestform, welche sich zu Beginn der 2000er Jahre in Argentinien etablierte (vgl. Firchow 2015: 75). Die leeren Töpfe, auf die während den Demonstrationen geschlagen wird, sind damals Symbol für knappe oder unbezahlbare Nahrungsmittel in Folge gestiegener Lebenshaltungskosten. Gleichzeitig stellen sich die Küchenutensilien als kollektives Protestmittel von ärmerer Bevölkerung sowie Mittelschicht dar, die gemeinsam trommelnd auf die Straße gingen (vgl. ebd.).

Nach Firchow (2015) sind die Cacerolazos heute eine von mehreren etablierten Protestformen, welche in Argentinien dabei helfen, einen demokratischen Dialog zwischen Bevölkerung und Staat herzustellen:

„It could be argued that this repertoire of contention has become a part of the institutionalized political system and a characteristic of Argentina’s democratic system. In other words, instead of depending on political representatives in Congress, Argentines express their grievances, frustrations, and disappointments directly through street protests. The forms of resistance in Argentine politics have become more systematic, less spontaneous and random and more organized.“ (Firchow 2015: 80)

Das sich aus dem Motiv der Töpfe und Pfannen im Kontext des Protests seit dem argentinischen Vorbild von 2001 eine Eigendynamik entwickelt hat, zeigt neben der Protestmaschine auch das viral gegangene Video zum Protestlied ‚TENCERE TAVA HAVASI (Sound of Pots and Pans)‘ von Kardeş Türküler (2013). Die Gruppe setzte sich mit ihrer Performance im Jahr 2013 für den Erhalt des Gezi-Parks in Istanbul ein und verwendete für die Instrumentierung ausschließlich Gebrauchsgegenstände aus dem Repertoire der Küche. Die kompositorische Organisation der Klänge führt dabei zu einer musikalischen Form des Protests, welche bei der Entwicklung der Protestmaschine als Inspiration diente.

Für die Erkundung des musikalischen Potentials und aller übrigen Funktionen wird die Protestmaschine mit der Wiederaufnahme des regulären Universitätsbetriebs auf dem Campus der Leuphana, voraussichtlich im Foyer des Gebäudes 5, ausgestellt. Die Protestmaschine geht als Artefakt aus dem Seminar Klang, Raum, Bewegung hervor, welches sich mit der Theorie und Praxis auditiver Gestaltung in interaktiven Umgebungen beschäftigte.

Protestlied ‚TENCERE TAVA HAVASI (Sound of Pots and Pans)‘ von Kardeş Türküler (2013)
Literatur:
Firchow, Pamina (2015): Power and Resistance in the Shaping of Argentine Domestic Policy. In: Latin American Perspectives. Volume: 42 issue: 1. Thousand Oaks: Sage Publications, Inc. (S. 74-83).

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.