Was heißt eigentlich Gestaltung von auditivem Material?
Welche Parameter werden gestaltet und welche Relevanz haben sie?
Durch die Notenschrift, die es seit dem 11. Jahrhundert gibt, bildet sich ein kompositorisches Paradigma der Gestaltung musikalischer Strukturen, die sich in Notenform abbilden lassen und in dieser Form der Schriftlichkeit gestaltet werden können.

Ludwig van Beethoven – Piano Sonata No.1 in F minor, Op.2 No.1_ 1. Allegro

Traditionelle Gestaltungsparameter

  • Melodik
  • Harmonik
  • Rhythmik
  • Dynamik

Audiobearbeitung als Gestaltung /
Sound als auditives Material

Nachdem es (durch die Erfindung des Grammophons 1877 durch Thomas Alpha Edison) möglich war, den Klang selbst und nicht nur seine aufzuführende Struktur zu notieren, ergaben sich Gestaltungsverfahren, die sich von den traditionellen Gestaltungsparametern abheben. Einige Beispiele wären:

  • alle Formen der Audiobearbeitung vom Filter über künstliche Räume bis hin zu Autotune
  • Schleifenbildung (Loops)
  • übereinanderlegen von Klängen (Layering)
  • kopieren/montieren (Cut-Copy-Paste, Sampling)

    kurz, all das, mit dem sich unser Kurs ‚Auditive Gestaltung‘ im Detail beschäftigt.

Analoge Audiosignale

Schall

Begriffsbestimmung
Als Luft-Hörschall werden Luftdruckschwankungen bezeichnet, die über das menschliche Ohr wahrnehmbar sind. Diese breiten sich in Form einer Longitudinalwelle räumlich um die Schallquelle aus und können lokal als Schwingung interpretiert werden. Aus der Schwingungslehre entstammen dann auch die grundlegenden Begriffe AmplitudeFrequenz und Wellenform.

Als Gehör versteht man die „Gesamtheit aller Funktionsteile, welche zur Entstehung der als Hören bezeichneten Empfindung beitragen“ (1, Rieländer, S. 110). Dazu zählen neben dem Ohr selbst auch jene Teile des Gehirns, die „…in einem komplizierten kognitiven Prozeß die ankommenden Signale als Worte, Musik, Lärm und so weiter“ (2, Ackermann, S. 7) interpretieren.

Ton/ Klang/ Geräusch

Die Terminologie in der Akustik und der Musik unterscheidet sich (4, vgl. Rieländer, S. 163):

Akustik Musik
Ton, Sinuston, reiner Ton, einfacher Ton Ton
Klang, einfacher Klang, harmonischer Klang Ton
Klanggemisch, Mehrfachklang, Zusammenklang Klang

Im folgenden wird hier die Terminologie der Akustik verwendet.

Ton

Sinuston

Sinuston

Die einfachste Form einer Schallschwingung. Es liegt nur eine diskrete Frequenz vor.

Klang

Ein einfacher (harmonischer) Klang ist eine periodische Schwingung, die aus einer Grundschwingung und mehreren Teilschwingungen besteht, deren Frequenzen harmonisch zur Grundschwingung sind, also ganzzahlige Vielfache der Frequenz der Grundschwingung. Die empfundene Tonhöhe entspricht der Frequenz der Grundschwingung. Die empfundene Klangfarbe ist durch das Obertonspektrum (die Zusammensetzung und Amplituden der Partialtöne) bedingt.

Sägezahnschwingung (Saw)

Sägezahnschwingung

Die Sägezahnschwingung beinhaltet alle Partialtöne.
Die Amplitude der einzelnen Partialtöne berechnet sich durch:

A(n) = 1/n

Wobei n der Nummer des Partialtons entspricht.

Rechteckschwingung (Square)

Rechteckschwingung

Die Rechteckschwingung beinhaltet alle ungeradzahligen Partialtöne.
Die Amplituden der einzelnen Partialtöne verhalten sich wie die der Sägezahnschwingung.

Dreieckschwingung (Triangle)

Dreieckschwingung

Die Dreieckschwingung beinhaltet alle ungeradzahligen Partialtöne.
Die Amplitude der einzelnen Partialtöne berechnet sich durch:

A(n) = 1/n2

Wobei n der Nummer des Partialtons entspricht.

Geräusch

Ein Geräusch ist ein Schallereignis mit zahlreichen Teilfrequenzen, zwischen denen kein gesetzmäßiger Zusammenhang besteht. Die Schwingung ist nicht periodisch, es kann keine Tonhöhe bestimmt werden.

Hüllkurve

Das dynamische Verhalten eines akustischen Ereignisses im Zeitverlauf kann durch eine Hüllkurve beschrieben werden. Die komplexe Hüllkurve von natürlichen Klängen kann durch einen sog. ADSR-Hüllkurve angenähert werden.

ADSR-Hüllkurve
Attack Dauer des ersten Abschnitts der Einschwingphase bis zum Erreichen des Zeitpunktes größter Schallintensität
Decay Dauer des zweiten Abschnitts der Einschwingphase zwischen dem Erreichen des Zeitpunktes größter Schallintensität und dem Erreichen des Sustain-Levels
Sustain Pegel des Klangs in seiner stationären Phase (Quasistationärer Klangabschnitt)
Release Dauer der Ausklingphase

Wird die oben dargestellte Hüllkurve auf ein Audiosignal mit konstantem Pegel angewendet, ergibt sich folgendes Oszillogramm:

Oszillogramm

Fourieranalyse

„Der Satz von Fourier besagt zusammenfassend, daß man jede periodische Schwingung, wie kompliziert sie auch sein mag, als die Überlagerung reiner, harmonischer Schwingungen darstellen kann, deren Grundfrequenz durch die Wiederholfrequrenz der periodischen Schwingung gegeben ist.“ (5, Ackermann, S. 16)

Im praktischen Umgang mit Audiosignalen ist die davon abgeleitete Fast Fourier Transformation (FFT) von Bedeutung, mit welcher der spektrale Aufbau (Amplitudenspektrum) des zu analysierenden Audiosignals berechnet werden kann. Bei der Analyse wird ein zeitliches Fenster betrachtet, wobei an den Rändern des Fensters Fehler auftreten, die zu Meßungenauigkeiten führen können. Deshalb werden verschiedene Fensterarten verwendet, welche die Meßungenauigkeiten bei bestimmten Signale minimieren.

Fensterfunktion Frequenzauflösungs-
genauigkeit
Amplituden-
genauigkeit
Rechteck sehr gering groß
Dreieck, Bartel, Parsen gering groß
Hamming, Hanning, Blackmann, Blackmann-Harris mittel mittel
2D-Frequenzspektrum


(Ergebnis einer Frequenzanalyse mit dem Programm CoolEdit96)

Um die Entwicklung des Amplitudenspektrums eines Signals im Zeitverlauf darzustellen, werden die Amplitudenspektren von kurzen Zeitabschnitten analysiert und daraus eine dreidimensionale Darstellung errechnet:

3D-Frequenzspektrum


(Das gleiche Signal wie oben, analysiert mit dem Programm Wavelab 1.6)

Dynamik

Als Dynamik bezeichnet man den Unterschied zwischen der größten und der kleinsten Schallintensität in einem bestimmten Zeitabschnitt. Gemäß den Eigenschaften des menschlichen Gehörs wird die Dynamik in der logarithmischen Einheit Dezibel angegeben.

Dynamikumfang natürlicher Instrumente

Sprache Sologesang Streicher Klavier Orchester
15-20 dB 40-50 dB 30-35 dB 40-50 dB 30-70 dB

Bei elektrischen und elektronischen Übertragungssystemen wird die technisch mögliche Dynamik als Systemdynamik bezeichnet. Sie ist als Differenz aus Übersteuerungsgrenze und Rauschpegel definiert.

Systemdynamik analoger Übertragungssysteme

Studioverstärker Plattenspieler Compakt Cassette MW-Radio Muzak Tape
100 dB 50 dB 40 dB 30 dB 20 dB